Dankbarkeit

Danken und Loben gehören zusammen

Ich muss ein wenig weiter ausholen:

Es ist schon erstaunlich, dass wir die Wörter „dankbar“ und „Dankbarkeit“ in der Bibel nicht oft finden. Luther verwendete den Begriff „Dankbarkeit“ gar nicht. „dankbar“ nur drei Mal. Nimmt man die übrigen Zusammensetzungen mit „Dank-“ dazu, kommen vielleicht 120 entsprechende Bibelstellen zusammen.

Und dennoch zieht sich die Dankbarkeit wie ein roter Faden durch die Bibel. Und fast immer fällt im Alten wie auch im Neuen Testament die Dankbarkeit immer mit dem Loben zusammen. Wenn ich mir das mal genauer anschaue, dann sind Danken und Loben beides Reaktionen auf etwas, das ein anderer mir als Gutes zukommen ließ.

Ich muss jetzt fairerweise sagen, dass das Loben für die Leser jener Zeit, in der die Bibel entstanden ist, einen anderen Stellenwert hatte, als wir dieses heute gewohnt sind. Wir loben üblicherweise von „oben“ nach „unten“. Also der „Höherstehende“ äußert sich lobend über einen „Untergebenen“. Dass ein Arbeiter seinen Direktor lobt, ist schon ungewöhnlich. Nicht unmöglich, aber ungewöhnlich.

Die Menschen der Bibel hingegen lobten, was zu loben war. den gütigen König wie den tüchtigen Knecht und der gnädige Gott war ebenso lobenswert wie die aufopfernde Mutter.

Wir haben das Loben verlernt

Die Sprach- und Kulturforscher sehen meistens eine tiefe Erkenntnis darin, wenn ein Wort im täglichen Wortschatz nicht mehr vorkommt: Das Wort ist überflüssig! Es ist nicht mehr Gegenstand des täglichen Lebens. Das gilt auch für das „Loben“. Es lobt bestenfalls der Lehrer seinen Schüler und der Gast das gute Essen, aber ein Loben etwa im Sinne des alten Kirchenliedes: „Lobet den Herren, den mächtigen König der Ehren“ gehört für den Durchschnittsmenschen von heute in die sprachliche Mottenkiste. Eine „Mottenkiste“ kennt heute auch keiner mehr…

Heute „drücke ich meine Anerkennung aus“ oder „ich freue mich“, wie das alte „ich lobe“ in vielen modernen Bibelübersetzungen umschrieben ist.
Aber die Frage bleibt bestehen:
Was sagt der Bedeutungsverlust des Wortes „loben“ in der heutigen Umgangssprache über die Menschen aus, die diese Sprache reden?

Die Antwort auf diese Frage ist zugleich der Krankheitsbefund unseres Jahrhunderts:
Wir haben vergessen, dass alles, was wir sind und haben, Geschenk ist. Die Illusion, es wäre alles machbar, und wir hätten die Welt, hätten ihre und unsere Zukunft „im Griff“, prägt noch immer weitestgehend unser menschliches Denken. Das Wissen darum, dass Gott es ist, der uns Menschen eine umfassende Verfügungsvollmacht über seine Schöpfung ausgeliehen hat, ist ebenso verloren gegangen, wie die Einsicht, dass auch die Mittel, die wir Menschen eingesetzt haben, um unsere heutige Welt zu gestalten, sein Geschenk sind.

Aber auch die Grenzen des menschlichen Machbarkeitswahnes, mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden, wie die nicht zu bewältigenden sozialen Probleme, die Kriegs-, Hunger- und Umweltkatastrophen auf der ganzen Erde, dies alles sollte uns zur Besinnung über den Menschen als Beauftragten Gottes aufrufen: „DU setztest ihn zum Herrscher über das Werk Deiner Hände, alles hast DU ihm unter die Füße gelegt“ (Psalm 8, 7)
Weil die Menschheit Gott nicht mehr als den Herrn lobt, hat sie auch verlernt, ihm zu danken.

Danken hat mit Gottes Gnade zu tun

Ohne Gott wären wir nichts. Was wir sind und haben, verdanken wir seiner Gnade.
(nachzulesen in 1.Korinther 15,10)

Das griechische Wort „χαρισ“ (charis) entspricht unserem Wort „Gnade“. Es kommt im Neuen Testament 155 Mal vor, davon 100 Mal in den Briefen des Paulus.
Charis bedeutet „Zuneigung“, „Wohlgefallen“ und „Huld“ aber auch genauso „Gefälligkeit“, „Gunstbezeugung“ oder „Liebesdienst“. Finden wir das Wort in der Mehrzahl, bedeutet es „Dank“ oder „Vergeltung“. χαριν εχειν heißt geradezu „dankbar sein“.
Wie eng „Gnade“ und „Dank“ zusammengehören, geht auch aus der engen sprachlichen Verwandtschaft der beiden griechischen Wörter für Gnade und Danken hervor:
 Im Ausdruck ευχαριστεω („ich danke“) ist der Wortwurzel 
„-charis-“ die Silbe „eu-“ vorangestellt, welche „gut“ oder „wohl“ bedeutet.
Der Dankende drückt also sein Wohlbefinden über die Gnade aus, die ihm zuteil wird. Wer ευχαριστεω sagte, meinte also damit: „Ich danke für die Zuneigung, für die Wohltat, für die Liebe“.

Danken macht schön

Bleiben wir noch kurz bei der Vielfalt des Ausdrucks „charis“: 
Aus der gleichen Wortwurzel „char-“ aus der „charis“ stammt, ist auch das griechische „charma“ entstanden.
Selbst wenn Ihr keine Kenntnisse über die Verwandtschaft der indogermanischen Sprachen, zu denen Griechisch ebenso gehört wie Deutsch und Französisch, fällt Euch bestimmt die Ähnlichkeit mit dem französischen Wort „Charme“ auf, das Anmut und Grazie bedeutet. Grazie stammt aus dem lateinischen „gratia“, was wiederum „Gnade“ bedeutet.
Ich hatte in der letzten Woche eine Unterhaltung mit einer Freundin über die Predigt. Sie hatte früher Latein als Leistungskurs. Ich hatte ja schon Probleme mit der ersten Stunde Latein damals auf der THE, von daher „Respekt“. Als wir über gratia sprachen, meinte sie, dass sie den Zusammenhang zwischen „gratis“ und Gnade nicht sehe, da es doch Dank heiße. Ich war daraufhin etwas verunsichert, ob ich vielleicht falsch recherchiert hatte, aber dann kam dann doch noch die Bestätigung, dass es auch Gnade als Bedeutung gebe.
Dank und Gnade im Lateinischen das gleiche Wort.
Sprachliche Verwandtschaften weisen uns immer auf innere Zusammenhänge hin.

„Charme“ und „charis“ sind eng miteinander verwandt. So wundert es wohl auch nicht, wenn ein Mensch, der in der Dankbarkeit Gott gegenüber lebt, eine besondere Ausstrahlung hat.

Und wenn Gottes Gnade zur Last wird?

„Du hast uns geprüft, o Gott, hast uns geläutert, wie man Silber läutert. Du hast uns ins Netz geraten lassen, hast drückende Last auf unsere Hüften gelegt; du hast Menschen über unser Haupt dahinfahren lassen. Wir sind durch Feuer und Wasser gegangen“, sagt das Volk Israel (Psalm 66,10-12). Es mag widersprüchlich klingen, dass dies der gleiche Gott ist, der seinem Volk zusagt: „Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt; darum habe ich dich zu mir gezogen aus Güte.“ (Jeremia 31,3).
Nicht nur Israels Schicksal sondern auch der Lebensweg vieler Menschen, denen Gott seine Gnade gezeigt hat, weisen immer wieder auf Prüfungen hin, die Gott zulässt. Wer sich in Gottes Gnade geborgen weiß, kann auch in seinen Prüfungen bekennen: „Kommt, lasset uns umkehren zu dem Herrn; denn er hat zerrissen, er wird uns heilen; er hat geschlagen, er wird uns verbinden.“ (Hosea 6,1). An diesem Bekenntnis zur Gnade Gottes in der Heimsuchung kann eine innere Haltung wachsen, die sich nach außen hin in der Würde des Leidenden äußert, der weiß, dass er in seinem Leid mit dem leidenden Jesus Christus besonders eng verbunden ist.

Dankbarkeit ist nicht einfach Optimismus

Ich möchte Euch von Frau F. erzählen:
Eigentlich war Frau F. eine unauffällige Bewohnerin eines Seniorenheims. Dennoch war sie im Heim ihrer stillen Freundlichkeit wegen geachtet und beliebt. Dabei hätte sie allen Grund gehabt, ein verbittertes Alter zu verbringen, denn sie hatte ein schweres Leben hinter sich.

In ihrem Zimmer im Seniorenheim fiel eine hübsch eingerahmte Stickerei auf: „Vergiß nicht, was er dir Gutes getan!“ war in bereits etwas verblichenen Farben auf dem Stoff zu lesen, und – offensichtlich später hinzugefügt, denn die Farbe war kräftiger und passte zur ursprünglichen nicht ganz – ein Datum.
“Das war der Tag, an dem mein Mann tödlich verunglückt ist“, erklärte Frau F., „ein schlimmer Tag. Und zunächst war der Bergunfall für mich nichts anderes als ein weiteres Glied in der Unglückskette, die bisher mein Leben ständig begleitet hatte.
Ich bin ohne Eltern aufgewachsen.
Meine Mutter, die mich gleich nach der Geburt zur Adoption freigegeben hatte, lernte ich erst kennen, als ich bereits erwachsen war.
Und wer mein Vater gewesen ist, weiß ich bis heute nicht.
Ich hatte keine sehr sonnige Kindheit. Als ich vier Jahre alt war, erwartete meine bisher kinderlose Adoptivmutter plötzlich ein Kind, dem später noch drei weitere nachfolgten. Von da an war ich in der Familie nur noch geduldet.
Nach Beendigung meiner Schulzeit konnte ich zum Bruder meiner Adoptivmutter ziehen. Er führte in einer anderen Gegend einen Gasthof.
In der kirchlichen Jugendgruppe, die in jenem Ort regelmäßig zusammenkam, lernte ich dann Moritz kennen. Er stammte wie ich aus einfachen Verhältnissen. In seiner Familie fand ich nicht nur die Zuneigung, nach der ich mich bisher vergeblich gesehnt hatte, ich lernte auch einen christlichen Glauben kennen, der von einer fröhlichen Natürlichkeit und einem großen Vertrauen in Gott geprägt war. So etwas hatte ich bisher noch nie erlebt.
Aber Vertrauen in Gottes Hilfe war auch dringend nötig, denn Moritz hatte noch vier Geschwister, und der Lohn seines Vaters reichte gerade knapp zum Leben.
Dennoch kann ich mich nicht erinnern, in Moritz‘ Familie je ein Wort der Klage über die knappen Mittel gehört zu haben.
Im Gegenteil: Jede Mahlzeit wurde mit einem Dankgebet begonnen, und ich erinnere mich, wie ich Moritz‘ Mutter in der Waschküche drunten beim Waschen half, und ich sehe diese stämmige Frau noch heute vor mir, wie sie das Loblied „Grosser Gott, wir loben dich“ vor sich hersummte und dazu im Takt des Liedes die Wäsche im großen Bottich umrührte.
Während meiner Verlobungszeit mit Moritz hieß sie mich eines Abends ins elterliche Schlafzimmer kommen. Dort nahm sie eine Schachtel aus dem Schrank, öffnete sie und nahm das oberste der darin liegenden Schulhefte heraus. ‚Danktagebuch‘ konnte ich auf dem Heftdeckel lesen. „Weißt du,“ sagte sie mir, ohne mir das Heft in die Hand zu geben, „um ein Tagebuch zu führen, reicht meine Zeit nicht. Aber zwei- bis dreimal die Woche notiere ich mir in diesem Heft in kurzen Stichworten, wofür ich Gott alles danken kann. Denn „vergiss nicht, was er dir Gutes getan“. Dabei zeigte sie an die Wand oberhalb des breiten Ehebettes, wo eben diese Stickerei, die Sie jetzt hier sehen, aufgehängt war. Damals allerdings noch ohne das Datum. Das hat meine Schwiegermutter in der Nacht nach dem Unfall eingestickt.“

Nun könnte man versucht sein, zu sagen, Frau F. und ihre Schwiegermutter wären halt einfach unverbesserliche Optimistinnen gewesen und hätten immer Glück gehabt. Wer so urteilt, hat den Worten von Frau F. nicht genau zugehört. Frau F. schilderte die schwierigen Umstände ihrer Kindheitsjahre ebenso deutlich wie die kargen Verhältnisse, unter denen ihr Mann aufgewachsen war. Und dass mit dem Tod ihres Mannes geradezu ärmliche Verhältnisse in die kleine Dreizimmerwohnung einzogen, in der sie fortan mit ihren drei Kindern lebte, verschwieg sie nicht.
Wo lag die Quelle, aus der Frau F. die Kraft schöpfte, die sie in den Widrigkeiten ihres Lebens nicht mutlos werden ließ?
„Ich war früh im Leben auf mich selbst gestellt“, sagte sie einst, „und musste mich entscheiden. Und eine dieser Entscheidungen betraf auch mein Verhältnis zu Gott. Ich sagte mir: ‚Entweder ist das wahr, was man in der Bibel über Gott liest, dass er nämlich die Sache der Armen und Elenden führe, und dann halte ich mich an ihn – oder es ist nicht wahr, was man über ihn sagt, und dann gehe ich unter.‘
Aber mit Gottes Hilfe bin ich nicht untergegangen.“

Zur Dankbarkeit kann man sich entschließen

Der entscheidende Schritt von Frau F. war also der Entschluss, es mit Gott zu versuchen. Daran hielt sie fest, auch wenn es oft am Nötigsten mangelte. Sie vertraute der helfenden Macht Gottes.
„Nächtelang habe ich oft zu Gott gebetet und ihm mit der selben Hartnäckigkeit wie Jakob zugeschrien: ‚Ich lasse Dich nicht, du segnest mich denn‘ (1.Mose 32,36). Und er hat mich immer mit dem gesegnet, was nötig war.“

Wir sind es nicht gewohnt, uns willentlich zu Gefühlen zu entscheiden, aber gerade hier liegt eines der Geheimnisse erfolgreicher Menschen.
Wer von Euch schon mal einen Unfall hatte, der weiß, wie es ist, Angst davor zu haben, die Tätigkeit, die man gerade getan hat wieder zu tun.
Ich hatte mal einen schweren Verkehrsunfall auf der Autobahn, mit 110 Sachen fuhr ich in ein Wohnwagengespann, das selbst mit 90 unterwegs war.
Mir ist, Gott sei Dank, außer der Fraktur eines Mittelhandknochens nichts passiert, aber das Auto war hin. Sogar die Feuerwehr dachte bei dem Anblick, dass sie mich erst noch aus dem Wrack befreien müssten.
Übrigens habe ich noch eine ganze Weile „mitgebremst“, wenn mein Fahrer zu dicht auffuhr.

Mein Stiefvater half mir dabei, ganz schnell wieder ein neues Auto zu besorgen, damit ich möglichst bald wieder auf die Straße kam, um meine Angst vor Unfällen schnell zu besiegen. Ich musste mich bewusst zum Vertrauen in meine Fähigkeiten
und gegen die Angst entscheiden.

Wer sich zur Dankbarkeit gegenüber Gott entschließt, verändert nicht nur seine Denkart und seine Einstellung zum Leben, sondern er schließt sich bewußt an den reichen Strom der Segnungen Gottes an.
Frau F. hat, um sich immer wieder an die Segnungen Gottes in ihrem Leben zu erinnern, die Gewohnheit ihrer Schwiegermutter übernommen und führt seit jenem Gespräch im schwiegerelterlichen Schlafzimmer ihrerseits ihr „Danktagebuch“. Damit hat sich ihr Leben verändert, und sie ist zu einer in aller äußeren Bedürftigkeit reichen Frau geworden.

Vergiss nicht, was er dir Gutes getan!

„Lobe den Herrn, meine Seele, und alles, was in mir ist, seinen heiligen Namen! Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan!“, werden wir in Psalm 103,1 und 2 aufgefordert. Damit wird uns ein wesentlicher Schlüssel zum Geheimnis eines dankerfüllten Lebens in die Hand gegeben: „Vergiß nicht, was er dir Gutes getan“.

Es ist wichtig, dass wir uns immer wieder an das erinnern, was Gott uns Gutes getan hat. Frau F.s „Danktagebuch“ ist ein gutes Mittel gegen unsere menschliche Vergesslichkeit.

Ich möchte noch einmal ein anders ausdrücken:
Es gibt ein spezielles Verfahren, um beim Betrachten von Kinofilmen die Illusion der Dreidimensionalität hervorzurufen: Man braucht hierzu eine besondere Brille. Schaut man sich den Film ohne diese Brille an, wirkt er verschwommen und undeutlich. Erst die richtige Brille lässt uns den Film richtig und damit eben dreidimensional sehen.
Das ist eigentlich immer im Leben so: Es kommt darauf an, durch welche Brille wir die Dinge betrachten.
Mit anderen Worten ausgedrückt: Wichtig ist, wie wir die einzelnen Ereignisse anschauen, die unsere Lebensgeschichte ausmachen.

Danken – trotz allem Bösen in der Welt?

„Wie darf ich dankbar sein, wenn es doch so viel Böses in der Welt gibt?“ Das ist eine Frage, die mir immer wieder gestellt wird. Es ist ja in der Tat bedrückend, was uns täglich durch Radio, Fernsehen und Zeitung an Mitteilungen über Krieg, Hunger und Brutalität vermittelt wird. Und wie viel Not kann auch in unserer nächsten Umgebung spürbar sein! Bedeutet der Entschluss zur Dankbarkeit nicht einfach ein egoistisches Sich-Zurückziehen aus dieser notvollen Wirklichkeit? Heißt Christsein nicht gerade, dass man sich der leidenden Welt zuwendet?
Dankbarkeit hat überhaupt nichts mit Egoismus zu tun. Im Gegenteil, sie öffnet geradezu die Augen für den Mitmenschen und seine Anliegen. Denn Dankbarkeit verändert mit unserer Lebenshaltung auch unsere Einstellung zum Negativen und Schweren, sowohl in unserem eigenen Lebenskreis, wie auch in der übrigen Welt.

Das soll nicht heißen, dass wahres Christsein heißt, auch in der Not und Bedrängnis stets dankbar zu sein. Das wäre eine wirklichkeitsfremde Forderung, die in der Bibel keinen Rückhalt findet. Denn die Bibel kennt uns und erwartet nichts von uns, das nicht zu erfüllen wäre.
Jesus selber hat vor seiner Verhaftung in Gethsemane seinen Vater gebeten: „Mein Vater, ist es möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst“ (Matthäus 26,39). Und sein schmerzerfülltes Beten des Anfangs von Psalm 22: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matthäus 27,46) zeigt uns nicht einen über das Leiden erhabenen oder gar dankbar frohlockenden Jesus.

Training und Stretching der „Glaubensmuskeln“

Es sind ja hier ein paar Sportler unter uns, die wissen, dass wenn sie erfolgreich auf ihrem Gebiet sein wollen, angestrengt trainieren müssen. Dass es im Glaubensleben nicht anders aussieht, dass denkt man selten.

Wer von Euch schon mal bei einem Krafttraining einer Mannschaft zusehen oder sogar selbst daran teilnehmen durfte, der weiß um die schmerzverzerrten Gesichter der der Athleten. Keiner derer, die sich nicht einem solchen Training unterziehen gelangt auf das Siegerpodest.

In der Bibel ist es hauptsächlich Paulus, der uns immer wieder an die Welt des Sports erinnert, wenn er uns mahnt, bei den harten Prüfungen, die Gott uns auferlegt, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.

Wesentlich für ein erfolgreiches Sporttraining ist für den Athleten die gute Beziehung zu seinem Trainer. Gerade wenn dieser eine Verausgabung bis zum Letzten fordert, ist das Vertrauen in den Coach ein wichtiger Baustein für den Durchhaltewillen.
Tatsächlich bedürfen auch unsere „Glaubensmuskeln“ des ständigen Trainings und des Vertrauens in Gott, der uns unsere „Trainingsaufgaben“ stellt, gerade wenn diese uns das Letzte abfordern.

Und wie zu einem guten Training auch das „Stretching“ gehört, die anschließende Dehnung und Entspannung der Muskeln, so hat im Glaubenstraining das Danken und Loben die gleiche Aufgabe. Deshalb ist es wichtig, auch in der grössten Glaubensanspannung und in der Dunkelheit schwerster Prüfungen hin und wieder zum „Stretching“ innezuhalten und sich, wie der Beter des 31. Psalms, vertrauensvoll und zuversichtlich an Gott zu wenden: „In deiner Hand steht mein Geschick; rette mich aus der Hand meiner Feinde und vor denen, die mich verfolgen. Lass dein Angesicht leuchten über deinem Knechte, hilf mir durch deine Gnade! Herr, lass mich nicht zuschanden werden, denn ich rufe dich an. (…) Wie groß ist deine Güte, die du aufgespart hast denen, die dich fürchten, die du vor aller Welt erwiesen denen, die auf dich vertrauen!“ (Psalm 31,16-20).

Dankbar leben heißt aus der Vergebung leben

Was war es, das den äthiopischen Schatzmeister so freudig in seine Heimat zurückkehren ließ?
Die Bibel berichtet uns im 8. Kapitel der Apostelgeschichte, wie er auf der Heimfahrt von Jerusalem im Buch des Propheten Jesaja las, das er vermutlich kurz zuvor in Jerusalem erworben oder als Geschenk erhalten hatte. Philippus, ein Jünger Jesu, war vom Heiligen Geist auf jene Straße geschickt worden, auf der er dem Wagen des äthiopischen Hofbeamten begegnete.
Es kam zum ausführlichen Gespräch zwischen den beiden Männern, das im Äthiopier den Wunsch weckte, getauft zu werden.
Philippus erfüllte diesen Wunsch, und wir lesen vom Hofbeamten: „er zog freudig seines Weges“ (Apostelgeschichte 8,39).

Wenn wir versuchen, uns den Ablauf des Lehrgesprächs zwischen Philippus und seinem Gegenüber, dem Verwalter der Schatzkammer der äthiopischen Königin vorzustellen, gelangen wir an die Wurzel seiner Freude und damit auch an den Ursprung der Dankbarkeit überhaupt:

Die Bibel berichtet uns, dass Philippus den Hofbeamten bei der Lektüre von Jesaja 53, 7 und 8 angetroffen habe. Dessen Ratlosigkeit über die Bedeutung dieses Prophetenwortes führte den Philippus dazu, ihm anhand der Prophezeiung von Jesaja die frohe Botschaft von Jesus zu verkündigen.
Als guter Ausleger des Wortes mußte Philippus das zu erklärende Jesajawort in seinen unmittelbaren Zusammenhang stellen, und so kamen sicher auch die Verse zur Sprache, die der Stelle vorangehen, mit welcher der Äthiopier so Mühe hatte, nämlich die Verse 3 bis 6:
„Verachtet war er und verlassen von Menschen, ein Mann der Schmerzen und vertraut mit Krankheit, wie einer, vor dem man das Antlitz verhüllt; so verachtet, dass er uns nichts galt. Doch wahrlich, unsre Krankheiten hat er getragen und unsre Schmerzen auf sich geladen; wir aber wähnten, er sei gestraft, von Gott geschlagen und geplagt. Und er war doch durchbohrt um unsrer Sünden, zerschlagen um unsrer Verschuldungen willen; die Strafe lag auf ihm zu unsrem Heil, und durch seine Wunden sind wir genesen. Wir alle irrten umher wie Schafe, wir gingen jeder seinen eignen Weg; ihn aber ließ der Herr treffen unser aller Schuld.“

„Unwiderstehliches Gratis-Angebot!“

Sicher habt Ihr diese Anpreisung schon oft in der Zeitung gelesen. Und immer ist bei näherem Zusehen das Angebot mit irgendeiner Bedingung verknüpft, die es dann eben doch nicht so „gratis“, also umsonst scheinen lässt, und „unwiderstehlich“ schon gar nicht. Das ist verständlich, denn schlussendlich möchte der Kaufmann, der uns mit seinem „unwiderstehlichen“ Angebot ködern will, doch etwas verdienen.
Mit dem, was Gott uns schenken will, ist es wesentlich anders. Seine Vergebung ist wirklich und im wahrsten Sinne des Wortes „gratis“ und an keine Voraus- oder Hintendrein-Leistung unsererseits gebunden.
Erinnert Ihr Euch an die Lektion über die Sprachverwandtschaften? „Gratis“ kommt von „gratia“ und das bedeutete ja „aus Gnaden“.
Gottes Gnade, sein Geschenk der Vergebung unserer Sünde brauchen wir nur anzunehmen.
Vielleicht ist es aber gerade das, was das Annehmen von Gottes Gratis-Angebot für viele Menschen so schwierig macht: Wir sind im Laufe der Zeit gegenüber „Gratis-Angeboten“ mißtrauisch geworden. Wir haben gelernt, dass das Annehmen eines Geschenks uns vom Schenkenden abhängig macht. Und so meinen wir, unsere Unabhängigkeit sichern zu können, indem wir lieber unseren eigenen Beitrag leisten, als dass wir uns etwas schenken lassen. So sind wir denn auch begreiflicherweise stolz auf das, was wir uns selber erarbeitet haben.
Im geistlichen Bereich ist dieses Leistungsdenken völlig fehl am Platz. Denn was könnten wir Gott gegenüber als eigene Leistung vorzeigen, das wir nicht zuvor – auch eben umsonst, also „gratis“ – von ihm, dem Geber aller Gaben, erhalten hätten? Aber auch gegenüber den Menschen ist eine Haltung, die sich auf eigene geistliche Kraft etwas zugute hält, geistlicher Hochmut.

Wir dürfen dieses Geschenk dankbar annehmen.
Das Geschenk, das Jesus uns am Kreuz gemacht hat.
Er starb, damit Gott uns vergeben kann.

Ohne ihn ging es nicht, früher haben die Menschen Tiere geopfert. Sie haben ihre Sünden auf die Tiere übertragen und sie dann verbrannt. Damit wollten sie Gottes Wohlwollen wieder auf sich ziehen. Aber letztlich war es dennoch eine Entscheidung Gottes, dieses Opfer anzunehmen oder auch nicht. Eine Entscheidung aus Gnaden.

Übrigens nennt man das Abendmahl auch Eucharistie: Danksagung.

Wer so sein Leben als Gabe und Aufgabe Gottes dankbar entgegennimmt, für den wird es sinnvoll.

Das heißt für mich beispielsweise, dass ich nicht mehr für alles und jedes in meinem Leben der Welt eine Erklärung zu suchen brauche, die meinen intellektuellen Ansprüchen genügt. Ich vertraue darauf: Gott behält die Übersicht und weiß darum auch, weshalb er mir meine Gaben in dieser Weise zuweist. Wenn ich weiß, dass mein Leben und das, was es ausmacht, mir von Gott geschenkt ist, dann fällt es mir leichter, zuversichtlich das Unerklärliche im Guten wie im Schweren meines Lebens ihm zu überlassen.
Ich erhalte so eine neue Sicherheit, die in Gott als dem Geber meines Lebens begründet ist.

Und wenn ich diese Gaben als seine Gnade dankbar anerkenne, kann ich damit auch mich selber und die Welt annehmen.
Ich erfahre eine neue Ganzheit, eine neue Lebensfreude.

 

(bei der Ausarbeitung nutze ich einen Teil des Buches „MEHR HABEN VOM LEBEN: DANKBAR SEIN“ von Reinhard Egg.)